Oboe

Universität Mozarteum Salzburg

Leseprobe Masterarbeit

Körperarbeit im Instrumentalunterricht (von Carina Samitz)


1. Einleitung

Schon seit längerer Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema Körperarbeit beim Querflötenspiel – nicht zuletzt angesichts der Erfahrung persönlicher körperlicher Beschwerden und Blockaden beim Musizieren, beim Üben und sogar bei Konzerten. Nach Jahren und zahlreichen Versuchen, dem Einsatz verschiedenster Methoden, meist lediglich von Teilerfolgen begleitet, belegte ich im Wintersemester 2016/17 den Kurs „Körperarbeit, Physio- und Mentalcoaching“ bei Susanne Schlusnus am Mozarteum. ‚Mürb’ geworden durch meine bisherigen Erfahrungen erwartete ich mir nichts Außergewöhnliches. Es kam ganz anders. Nicht nur ich, sondern auch Personen aus meinem Umfeld merkten die Veränderungen, welche dieser Kurs in mir ausgelöst hatte, die positiven Auswirkungen auf mein Flötenspiel, meine Bühnenpräsenz und auch auf mein Erscheinungsbild. Die vorliegende Arbeit dokumentiert und analysiert in einer Selbststudie sowie einem kleinen Feedback von ausgewählten Leuten, was sich an meinem Flötenspiel und meiner Haltung durch diesen Kurs verändert hat und ob sich diese Verbesserung auch in einer Konzertsituation beobachten lässt. Ich möchte mich allerdings nicht auf eine Selbststudie beschränken: Als Flötenlehrerin an einer Musik-schule ist mir wichtig, dass auch meine SchülerInnen eine gute Haltung beim Musizieren einnehmen. Das ist nicht immer leicht, denn die Kinder und Erwachsenen kommen teils bereits mit gravierenden Haltungsproblemen und körperlichen Beschwerden aus dem Schul- und Arbeitsalltag in den Unterricht. Daher beschäftigte mich als Pädagogin vor allem die Frage, ob die Übungen von Susanne Schlusnus auch meinen Flöten-schülerInnen zur Verbesserung ihrer Haltung und des Spiels helfen könnten. Vier meiner Schülerinnen haben sich dazu bereit erklärt, mit mir Übungen von Susanne Schlusnus im Unterricht auszuprobieren: In sechs Unterrichtseinheiten habe ich wenige, aber spezifische Körper- und Mentalübungen erprobt und vertieft sowie die Schülerinnen um Feedback gebeten. Die aufgezeichneten Video-Dokumente dieser Unterrichtseinheiten werden exemplarisch in einem eigenen Kapitel analysiert und ausgewertet. Dadurch soll evaluiert werden, ob die für mich als einzelne Person hilfreichen Übungen auch im Flötenunterricht mit MusikschülerInnen angewendet werden können und sollten, oder ob es sich dabei um eine Methode handelt, die vor allem fortgeschrittene und professionelle MusikerInnenanspricht.

Es sei darauf hingewiesen, dass es sich bei meiner Forschung um keine Studie, die Verallgemeinerungen zulässt, handelt, sondern um eine Pilotstudie, die den Grundstein für weitere Untersuchungen legen sollte. Mein Ziel ist es, eventuelle Parallelen zwischen meinen persönlichen Erkenntnissen und jenen der Schülerinnen zu finden und eine mögliche Relevanz der Übungen für ein gesundes und natürliches Flötenspiel zu ermitteln. Alle vier Schülerinnen haben unterschiedliche Haltungs- und Spielprobleme, daher variieren auch die Übungen leicht. Ich habe jedoch bewusst als Konstante eine Mentalübung und eine Körperübung für alle gewählt, um einen Vergleichswert zu haben. Zusätzlich wurden die Schülerinnen mit einem Fragebogen zu ihrer persönlichen Einschätzung und ihrer Reaktion auf die Übungen befragt.

Die Problematik meines methodischen Zugangs liegt darin, dass ich selbst Beobachtende und Ausführende bin. Es besteht die Gefahr, nicht gänzlich objektiv zu bleiben, insbesondere wenn man die Versuchsperson kennt. Aus diesem Grund habe ich ergänzend Fragebögen zu meinen persönlichen Fortschritten sowie zu jenen meiner Schülerinnen ausgegeben: Sie sollten eine zweite Sicht und ein zweites Gehör darstellen, gegebenenfalls unterschiedliche Wahrnehmungen aufzeigen und einen Vergleich ermöglichen. Über den Zeitraum von ca. sechs Wochen kann man oft noch keinen großen Fortschritt bei SchülerInnen feststellen. Besonders Haltungskorrekturen brauchen oft länger als ein Semester, um im Körper und im Gehirn gespeichert und richtig verankert zu werden. Daher kann man durch die Video-Aufnahmen meist nur eine kurzfristige Besserung, jedoch kein dauerhaftes Resultat verdeutlichen. Eine auf eine längere Zeit angesetzte Dokumentation hätte den Rahmen meiner Masterarbeit gesprengt und mehr Vorbereitungszeit gebraucht, die mir leider nicht zur Verfügung stand, immerhin hatte ich den Kurs erst im Herbstsemester begonnen und mich im Januar nach meinen positiven Erlebnissen für das Thema entschieden. Die Ausreifung der Idee und die Konzeption der Unterrichtseinheiten sowie die tatsächliche Umsetzung in Absprache mit Susanne Schlusnus waren durchaus zeitintensiv. Diese Pilot-Studie soll anderen die Möglichkeit bieten, sich mit der Methode und deren Auswirkungen auf das Instrumentalspiel zu beschäftigen und weiter zu forschen, um darauf aufbauend in der praktischen Arbeit ein entsprechendes Haltungs- und Körperbewusstsein auch bei SchülerInnen an der Musikschule durch Übungen, Körperarbeit und Bewusstmachung der Auswirkungen von Haltungsänderungen zu entwickeln.

Das Körperverständnis vieler MusikerInnen ist leider nicht ausgeprägt genug, da in Musikerkreisen großteils das Üben und ‚praktische Bedienen’ des Instrumentes imVordergrund stehen, man als Spielender oft gar nicht weiß, welche Muskeln man zum Anschlagen einer Taste, zum Führen des Streicherbogens oder zum Halten eines Blasinstruments braucht und warum Verspannungen auftreten, die nicht selten zu ernsthaften Erkrankungen führen. Um die Funktionen des Bewegungsapparates und der Muskeln, die Ursachen von Haltungs-schäden sowie spezielle Anforderungen in der Haltung von Musikinstrumenten und der Atmung bei Blasinstrumenten zu verdeutlichen, werden im ersten Teil der vorliegenden Arbeit diese Grundlagen etwas ausführlicher behandelt. Es ist mir – ebenso wie Susanne Schlusnus – ein großes Anliegen, dass MusikerInnen ihren Körper kennen und verstehen lernen, bevor sie mit einer gezielten Körperarbeit beginnen. Mit SchülerInnen ist diese theoretische Grundlagenarbeit oft nicht so gut möglich, da sie doch „zum Flötespielen“ kommen und Stücke lernen wollen, ungeduldig werden und schnell die Aufmerksamkeit verlieren, wenn das Instrument zur Seite gelegt wird. Daher habe ich in meiner Studie versucht, basierend auf einem Grundwissen über Haltung und Atmung die Übungen eher auf einer ‚Fühl-Ebene’ anzusetzen: Kleine Vorübungen, bald mit dem Instrument ausgeführt, sollten den Flötistinnen einen Eindruck vermitteln, was sich bei veränderter Haltung und Atmung ‚anders’ anfühlt. Oft reicht dieser Eindruck für den Anfang, um die Arbeit mit dem Körper attraktiver zu machen um dann in kleinen Schritten wichtige Vorgänge bewusst zu machen. Ein weiterer Abschnitt bringt den LeserInnen die von mir besuchte Lehrveranstaltung bei Susanne Schlusnus näher und expliziert, welche Methoden in die von ihr selbst entwickelte ganzheitliche Methode des Musikercoachings einfließen, wobei sich der gesamte Fundus an Hintergrundwissen von Susanne Schlusnus nicht erschließen lässt, sie darüber hinaus vieles auch selbst ausprobiert oder vielleicht auch unbewusst in ihr Konzept integriert hat. Den zentralen Teil meiner Arbeit machen die bereits angesprochene Selbststudie sowie eine Dokumentation der Arbeit mit meinen Schülerinnen aus.